Schlangen und Hühnerfüße eher anstandshalber …

39 Schülerinnen und Schüler aus Lauterbach studierten das Reich der Mitte

China – ein fernes Land, fremd in seiner Sprache und Kultur, und dennoch von großer Bedeutung für Europa und Deutschland: Mit Exporten im Wert von mehr als 70 Mrd. Euro im Jahr 2015 ist China einer der drei wichtigsten Handelspartner der Bundesrepublik – ein Riesenzukunftsmarkt nach wie vor. Dieses Land kennenzulernen ist sicher vorteilhaft  – das weiß man schon lange am Lauterbacher Alexander-von-Humboldt-Gymnasium und pflegt seit einigen Jahren einen Austausch mit der High School No.3 in Xiangshan, ca. 200 km südlich von Shanghai am Südchinesischen Meer.

Bereits zum dritten Mal konnten in diesem Herbst Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgangsstufen 9 bis Q3 nach China reisen – einige bereits zum wiederholten Mal. Sie lebten eine Woche lang in Gastfamilien und lernten ganz unterschiedliche Familien kennen. Sie erhielten Einblick in das chinesische Schulsystem und die Essgewohnheiten. Und sie tauchten in den Alltag ihrer etwa gleichaltrigen Gastgeber ein. Danach reisten sie eine Woche per Zug oder Bahn durch das Riesenland: Shanghai, Hangzhou, Macao und Hongkong standen auf dem Programm – Millionenstädte mit großen Unterschieden und Besonderheiten, reich an technischem Fortschritt und auch ein Sinnbild für die vielfältige und manchmal auch widersprüchlich anmutende Entwicklung im Reich der Mitte.

Bereits im Sommer hatten die Lauterbacher Schülerinnen und Schüler ihre Gastgeber kennengelernt: Eine Delegation aus Xiangshan war nach Deutschland gekommen – nun gab es den Gegenbesuch, der den 16-jährigen Santo Capuano gemeinsam mit einem Mitschüler in eine Familie führte, die es in dem prosperierenden System noch nicht zu allzu großem Reichtum gebracht hatte. „Die Wohnungen sind schon sehr anders als hier“, berichtet er. „Die Menschen sind mit viel weniger Komfort zufrieden.“ Für Santos Gastfamilie mag das zutreffen, andere seiner Mitreisenden hatten es da schon besser: Clara Schäfer, Schülerin aus der Q1 der AvH, residierte in einer gigantisch großen Wohnung, ausgestattet mit Marmorböden und stoffbezogenen Wänden. Was überall gleich war, waren die sehr harten Betten und dünnen Laken. Auch über das Essen wunderten sich die Deutschen alle gleichermaßen, denn dieses, so die Feststellung, kauft man gerne noch lebendig in den Läden der Städte. Das meiste davon schmeckte zwar überraschenderweise sehr gut, von den frittierten Hühnerfüßen und Schlangen aber probierte man dann eher doch nur anstandshalber…

Natürlich nahmen die Schülerinnen und Schüler aus Deutschland auch am Unterricht teil: Viel frontaler sei der als in Deutschland, sehr viel strenger und lang andauerender. Er dauere oftmals bis in die Abendstunden und werde offenbar permanent überwacht. Die deutschen Besucher berichten von Kameras und Mikrofonen fast überall im öffentlichen Raum, auch in Schulen, auf Plätzen und in den Unternehmen, die sie später besucht haben. Keine schöne Vorstellung für sie, ständig überwachbar zu sein, während dies für die Chinesen Alltag ist. Umgekehrt erlebten die chinesischen Gäste in Deutschland eine für sie fast grenzenlose Freiheit, die ihnen auch nicht ganz geheuer war, wie Lotta Martin berichtet. So war es gar nicht so einfach, am Abschiedsabend die eher distanzierten chinesischen Jugendlichen zum gemeinsamen Tanzen zu animieren – am Ende gelang es doch und bescherte Gastgebern und Gästen einen unvergesslichen Abend.

Karsten Krämer, der gemeinsam mit Oliver Stoy und André Tolksdorf als Lehrkraft mit den Schülerinnen und Schülern auf der Reise war, sieht dennoch Bewegung in den deutsch-chinesischen Beziehungen: „Die Tatsache, dass wir nun schon über Jahre hinweg einen kontinuierlichen Austausch pflegen und die chinesischen Schülerinnen und Schüler auch zu uns kommen und unser westliches Leben kennenlernen, zeigt, dass eine Öffnung stattfindet. Wandel findet durch Annäherung statt.“

Was die deutschen Besucher nachhaltig beeindruckt hat, war die grenzenlose Gastfreundschaft der Chinesen. Kaum ein Wunsch, der unerfüllt blieb, und auch die weniger Betuchten ließen sich nichts von den Ausgaben für ihre Gäste erstatten. „Wir wurden wirklich sehr gut aufgenommen“, bestätigen alle Chinafahrer, die ihre Reise nach einer Woche fortsetzten. Abenteuerlich eine sechzehnstündige Fahrt im chinesischen Nachtzug. Informativ und überraschend die Einblicke in ein Produktionsunternehmen aus der Automobilbranche, in dem ganz offenbar der Einzelne in der großen Masse aufgeht. Selbst für die weitgehend berufsunerfahrenen Lauterbacher Jugendlichen war es erstaunlich, dass viele Handgriffe, die leicht durch Maschinen auszuführen wären, von Menschen getan werden. Hochtechnisiert und dennoch anders, als man es sich denkt. So entdeckt man in China so ungewöhnliche Berufe wie Rolltreppeneinweiser, Straßenkehrer oder eine Vielzahl an Wachposten und sogar Müllfrauen. Daneben Bilder von Reisbauern in bunten Gewändern auf den Feldern. Und dazu die die Skyline von Shanghai aus der Vogelperspektive: Hochglanz und Millionen Lichter. Kontraste pur, die auf ganz besonders atemberaubende Art und Weise die erwachsenen Schülerinnen und Schüler wahrnehmen konnten, die sich wie Lukas Bott einen Skywalk auf dem 420 Meter hohen er Jin Mao Tower im Finanzviertel Pudong in Shanghai gönnten.

Der 16-jährige Ekko Stöppler war schon zum zweiten Mal mit in China. Nach dem ersten Mal war er neugierig darauf, mehr zu erfahren und die Reise noch einmal als etwas älterer Jugendlicher zu machen und neue Facetten zu entdecken. Auch Clara kann sich vorstellen, bei der nächsten Fahrt wieder dabei zu sein. Nur dort zu leben, ist für die meisten der Lauterbacher Schülerinnen und Schüler derzeit noch keine Option.

 

Die Gäste aus Lauterbach mit ihren chinesischen Mitschülerinnen und Mitschülern in Xiangshan.

Etwas Mut gehörte schon dazu, sich auf den Skywalk rund um den Jin Mao Tower zu begeben.

Die deutsche Gruppe vor der Skyline von Shanghai.

Nur eine von unzähligen Schluchten in den chinesischen Großstädten – hier: Hongkong

(Text: Traudi Schlitt; Fotos: privat)

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