Die Seele der Meere, der Wohlstand und das richtige Maß

Christian Weigand von „Blue Awareness“ sensibilisiert für die Gefahren von Plastik

LAUTERBACH (pm). „Ein blaues Bewusstsein zu haben, bedeutet nicht nur von den Problemen im Ozean zu WISSEN, sondern diese auch zu FÜHLEN. Es stößt den Prozess an, vom Teil des Problems zum Teil der Lösung zu werden.“ Mit dieser Haltung tritt Christian Weigand von „Blue Awareness“ seit einiger Zeit vor Schülerinnen und Schülern auf, um diese für die Gefahr von Plastik in den Meeren zu sensibilisieren, sie spüren zu lassen, dass mit dem Meer, seinen Bewohnern und Pflanzen auch die Menschen bedroht sind. Vor wenigen Tagen war er zu Gast an der Alexander-von-Humboldt-Schule, wo die 10. Klasse einen ganzen Schultag mit ihm verbrachte.

Nach einem Studium der „Environmental and Resource Economics“ ist der begeisterte Surfer mit seinem Projekt in den Küstenregionen der Welt unterwegs, zum einen um zu erfahren, wie es um die Ozeane und Meere steht, zum anderen aber auch, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die mit und von den Meeren leben. Dabei geht es ihm insbesondere darum, Inspiration für den Schutz der Meere zu bekommen, denn: Jeder einzelne Mensch kann etwas tun. „Jeder weiß von den Problemen unseres Ozeans, aber oftmals erreichen uns diese Informationen ohne den entscheidenden Funken, der in uns eine Handlung auslöst. Stattdessen steht man ohnmächtig vor einem immer größer werdenden Problem. Diesen Funken möchte ich nun weitergeben, mit kleinen Geschichten über Personen, die die ersten Schritte gegangen und vom Teil des Problems zum Teil der Lösung geworden sind. Menschen wie du und ich, deren Story das Zeug hat, auch in dir eine Veränderung auszulösen.“ Diese Veränderung sucht Weigand im permanenten Austausch, er gibt seine Erfahrungen weiter und stellt in seinen Vorträgen die vielen Zahlen, Daten und Fakten um die Verseuchung der Meere mit Plastik zwar dar, aber sie sind nicht im Vordergrund. Hier stehen Bilder, die für sich sprechen: Die Meeresschildkröte, die sich im Fischernetz verfangen hat, deren Panzer gar mit damit verwachsen ist oder verendete Tiere, deren Mageninhalt voller Plastik ist. Die Schönheit der Meerestiefe zerstört von abgesunkenem Plastikmüll. „Die Bilder haben mich im Herzen berührt“, bestätigt eine Schülerin.

Doch mit einem Vortrag ist es für den jungen Wissenschaftler und Umweltschützer längst nicht getan: „Wir versuchen für uns selbst Ansätze zu finden, was genau wir tun können, um Plastikmüll zu vermeiden“, führt Weigand aus. „Wir müssen stärker auf unnütze Verpackungen verzichten“, so eine Erkenntnis, die die Jugendlichen haben, aber auch direkt weitergeben. „Wir kaufen schließlich nicht ein, sondern unsere Eltern. Sie sind oft nicht offen für Veränderungen in ihrer Lebensführung und ihrem Einkaufsverhalten“, bemängeln die Zehntklässler, die durchaus auf Plastikflaschen oder abgepacktes Obst oder Lebensmittel verzichten möchten. Mit der App „Replace Plastic“ wollen einige von ihnen ab sofort auf Hersteller und Anbieter einwirken, damit diese sich nicht länger hinter einem simplen „Der Verbraucher will es so“ verstecken können. Eine Erkenntnis lautet: Alle müssen umdenken, damit nicht noch mehr Plastik ins Meer kommt, denn sicher ist: Nur wenn es kein Plastik mehr gibt, gelangt auch kein Plastikmüll mehr in die Natur. Plastikvermeidung ist am Ende die einzig wirkungsvolle Maßnahme. „Und die Aussage ‚Einer allein kann nichts tun‘ lasse ich nicht gelten“, so Weigand, denn: „Die fünf Trillionen Plastikpartikel, die derzeit im Meer schwimmen, sind auch eine ‚Gemeinschaftsleistung‘ vieler einzelner. Warum sollte es also umgekehrt nicht auch möglich sein?“

Außer seinem Vortrag hatte Weigand noch das Planspiel Ocean Limited mitgebracht, das er in einer Kooperation mit dem Hersteller für seine Schulveranstaltungen nutzen kann. Hier können die Schülerinnen und Schüler Rollen einnehmen und somit fast hautnah erleben, wie die Menschen, die von, mit und am Meer leben, agieren und entscheiden, um genau für ihr Anliegen das Beste zu erreichen. Gleichzeitig soll dadurch deutlich werden, wie einzelne Aktionen sich auf andere Gruppen und natürlich auf die Umwelt auswirken: Wie können die Bürgermeister einer Küstenstadt die Energieversorgung und die Transportwege über das Meer sicherstellen, ohne dass die Energieanbieter ihre eigenen Interessen ohne Rücksicht auf Verluste umsetzen? Wann lohnt es sich, Wissenschaftler hinzuzuziehen oder gar Umweltschützer zu befragen? Und was genau passiert eigentlich nach einer Ölpest, wenn zwei Jahre lang gar nichts mehr geht? Kann ein Kleinfischer einem riesigen Aquakulturunternehmen etwas entgegensetzen? Wo stehen die Hochseefischer? Was kann eigentlich die Wissenschaft tun, um wirkungsvoll zu steuern? Und wie können Unternehmen und Städte dennoch ihre wirtschaftlichen Ziele erreichen? Die Schülerinnen und Schüler schlüpften in all diese Rollen: Vom Kleinfischer bis zum Tourismusunternehmen, vom Fischzüchter bis zum Energie- oder Transportunternehmer waren sie vertreten. Es gab Wissenschaftler und Umweltschützer, Journalisten und die Seele der Meere, die sich nach jeder Spielrunde eine Konsequenz ausdachte, mit der die Akteure schließlich wieder umgehen mussten. Diese konnten beispielsweise entscheiden, ob sie für vielleicht weniger Profit grünere Energien anbieten wollen oder auf Teufel komm raus expandieren. In allen Bereichen konnten sie mit verschiedenen Ansätzen arbeiten und hatten sich nach jeder Runde mit den Folgen für sich, ihre Mitspieler und die Natur auseinanderzusetzen. „Das Spiel bildet gut die Realitäten ab“, so Weigand, „es zeigt, wie einzelne Vorhaben sich auswirken, vielleicht auch in die Irre führen, wie schwer Verhandlungen mit den unterschiedlichen Playern und Interessensverbänden sind, und wie lang man manchmal im Voraus planen und agieren muss. Eine Erkenntnis daraus kann sein, dass nachhaltige Kompromisse gefunden werden müssen, um die gemeinsame Lebensgrundlage für die Zukunft zu erhalten.“

Die Veranstaltung an der Alexander-von-Humboldt-Schule wurde gefördert vom Bundesprojekt „Demokratie leben!“ und dem Kreisjugendparlament.

Text und Fotos: Traudi Schlitt

Christian Weigand erläutert das Planspiel „Ocean Limited“ und erklärt die Karte der Meere.

Engagierter Kämpfer für plastikfreie Meere: Christian Weigand von „Blue Awareness“.

Wie können Bürgermeister gemeinsam mit Umweltschützern das Beste für ihre Stadt erreichen? Verhandlungen sind der Anfang von allem.

Die Bürgermeisterin und die Energiekonzerne – im Hintergrund: die Journalistin. Das Planspiel bildet realistische Szenen ab und zeigt Chancen und Konsequenzen auf.

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