Vom Anschauen der Welt zur Weltanschauung

Fachschaft Ethik der AvH beleuchtet die Bedeutung des Reisens von Humboldt bis heute

LAUTERBACH (pm). An das Thema „Reisen“ geht man heute mit vielerlei Erwartungen: Die Schülerinnen und Schüler der Alexander-von-Humboldt-Schule fassten dies in einer Arbeitseinheit kurz vor Weihnachten zusammen: Man hofft auf gutes Wetter, auf Spaß und Entspannung, auf gutes Essen und Zeit mit der Familie. Man sucht Abenteuer, will Neues erfahren, die Welt kennenlernen. Letztere Absichten mochte auch Alexander von Humboldt gehabt haben, als er vor mehr als 200 Jahren zu seinen Forschungsreisen aufbrach – zu Zeiten, in denen das Reisen noch einer kleinen Minderheit vorbehalten war und die Transportwege und -mittel längst nicht so komfortabel wie heute. Zum Abschluss des Humboldt-Jahres, das die Schule mit vielen verschiedenen Aktionen aller Unterrichtsbereiche in diesem Jahr begangen hat, folgte nun die Fachschaft Ethik dem Reisegedanken ihres Namensgebers.

Dazu hatten die beiden Lehrer Sebastian Recklies und André Göller ein fiktives Interview mit Alexander von Humboldt vorbereitet, das zuvor der Schüler David Scheid ausgearbeitet hatte. Im Fokus der Betrachtungen stand der Einfluss des Reisens auf das Menschenbild des Europäers, dessen Zeitgenossen Sklavenhandel nicht als unmoralisch betrachteten, zumal sie sich intellektuell und moralisch über die ausgebeuteten Völker beispielsweise Südamerikas erhoben. Humboldt selbst jedoch, so der Ansatz des Interviews, sei mit Respekt und Toleranz aufgebrochen, im Gepäck die Werte der Französischen Revolution und der Aufklärung. So habe Humboldt den Kolonialismus unmoralisch gefunden, die Unterdrückung, Verschleppung und brutale Missionierung als widerlich bezeichnet. Humboldt forderte in dem Gespräch, dass Eingeborene respektiert und nicht als minderwertig betrachten werden sollten, nur weil ihre Normen von den europäischen abwichen: „Man sollte allen Eingeborenen mit Achtung und Respekt begegnen. Die Freiheit der Menschen und ihre Bildung durch den Verkehr der Völker ist ebenfalls sehr wichtig.“ Die Ansicht von der vermeintlich niedrigeren Stufe der geistigen Kultur der indigenen Völker Südamerikas, auf die Humboldt traf, widerlegte der Wissenschaftler, indem er auf einen Sternenkalender verwies, den die amerikanischen Völker entwickelt hatten. So gab das Interview ein aufgeklärtes Menschenbild Humboldts vor, das dem freien Geist des Gelehrten gerecht wird.

Die Absicht, wirklich seinen Blickwinkel zu ändern und den Menschen vor Ort zu begegnen, machten die Schülerinnen und Schüler als wirklich großen Aspekt der Reisen Alexander von Humboldts aus. Der Forscher hat seine Weltanschauung entwickelt, in dem er die Welt angeschaut hat. Genau das haben vor wenigen Wochen auch die beiden AvH-Lehrer Karsten Krämer und André Tolksdorf getan, denn „Die gefährlichste alle Weltanschauungen ist die der Leute, die die Welt nie angeschaut haben.“ Weltanschauung – das beinhalte auch die Frage danach, was man für richtig und wichtig halte, welche Werte man habe. Ein weites Feld also, das Tolksdorf in seinem Reiserückblick aufgriff:

Er berichtete von den beiden so bekannten wie unterschiedlichen Städten Tel Aviv und Jerusalem: Modern und weltoffen die eine, die andere tief religiös und als Wiege sowohl des Christentums, des Judentums und des Islams mit Bedeutungen, Gefühlen und Ansprüchen geradezu überfrachtet. Während Tel Aviv als Hot Spot mit kilometerlangen Stränden und einer Kultur- und Partyszene glänzt, ist Jerusalem als viergeteilte Stadt Sinnbild einer großen Vergangenheit. Tolksdorf zeigte Bilder von der Klagemauer, dem Felsendom und dem Felsenberg und er zeigte sich fasziniert und überrascht von diesem Schmelztiegel.

Anhand von Bildern der Gedenkstätte Yad Vashem, der bedeutendsten Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert, ging der Ethik- und Geschichtslehrer auf die Gräuel der Nazis in Deutschland ein und machte deutlich, wie sehr diese Erfahrung auch das Leben der Juden heute noch bestimmt, wie sie um Begrifflichkeiten ringen, um einen Umgang mit dem Geschehenen, das unfassbar ist. Der älteren israelischen Geschichte waren die beiden Studienreisenden bei der ehemaligen jüdischen Festung Masada auf der Spur. Auch sie verbirgt viel jüdisches Leid in sich und auch mit ihr erscheint der Umgang schwierig, wie Tolksdorf berichtete: Stand sie einst als Symbol für einen unglaublichen Zusammenhalt der Israelis, wechselte ihre Sicht darauf von Stolz zu Schwäche, da sich hier auch eine große Niederlage abspielte. Tolksdorf blickte auch auf die Sicherheits- und Siedlungspolitik der Israelis – gerade Letztere ist weltweit umstritten, führt sie doch immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen mit den Palästinensern, die Gebiete in und um Israel für sich beanspruchen. Neben der Annexion von Land stellt die Wasserknappheit im Staat und in seinem Verhältnis zu den Palästinensern ein weiteres großes Problem dar.

Tolksdorfs Fazit nach einer aufwühlenden, großartigen Reise: Alle Reisen haben eine Bestimmung, die man nicht ahnt. So habe er nach seinem Aufenthalt in Israel eine neue Sicht auf den permanenten militärischen Konflikt in der Region gewonnen, die bittere Erkenntnis: Frieden ist nicht so einfach machbar, wie man es als Fernsehzuschauer vielleicht denken könnte. Die Dinge sind komplex, nicht nur in Israel, und mit dieser Komplexität setze man sich auch durch Reisen auseinander. Und was noch: „Ich bin dankbar, in einem so friedlichen Land wie Deutschland zu leben.“

Text und Fotos: Traudi Schlitt

In die Gestalt Alexander von Humboldts schlüpfte Ethik-Lehrer André Göller.

Dass Reisen auch heute noch der Weltanschauung dient, zeigte der Vortrag von André Tolksdorf.

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