Jeder kann „Held der Meere“ sein

Planspiel „Ocean Limited“ verdeutlicht positiven Einfluss von Konsumänderung auf Klima

LAUTERBACH (pm). Über die Probleme in den Meeren, über deren Auswirkungen auch auf unser Leben und unsere Gesundheit, über den Kampf der Meeresbewohner um ihr Überleben weiß inzwischen jeder. Auch wenn die Nachrichtenlage im Moment von der Pandemie bestimmt ist, sind die Klima- und Umweltprobleme unserer Zeit doch präsent. Grund genug für die Alexander-von-Humboldt-Schule, auch im veränderten Unterrichtsmodus einem Teil ihrer Schülerinnen und Schüler Umweltbildung zuteilwerden zu lassen – gemeinsam mit einem Partner, der schon mehrfach mit seinem Wissen um und seiner Liebe zu den Ozeanen die Schüler- und Lehrerschaft an dem Lauterbacher Gymnasium begeistert hat.

Christian Weigand, Gründer und Referent von „Blue Awareness“ hat sich bereits während seines Studiums der Umwelt- und Ressourcen-Ökonomie an der Uni Kiel mit der nachhaltigen Entwicklung der Ozeane beschäftigt. Mit einer für den gebürtigen Schwalmstädter ernüchternden Erkenntnis: Trotz eines breiten Bewusstseins über die Probleme der Meere wird ihr Umgang damit nicht nachhaltiger – sondern ganz im Gegenteil, immer weniger nachhaltig. Mit dem Konzept „Blue Awareness“ möchte er seine Mitmenschen zu „Helden der Meere“ zu machen. Er tut dies mit mitreißenden Vorträgen und einem beeindruckenden Planspiel. Beides hatte er am vergangenen Freitag mit in die Aula der AvH gebracht.

Zu Beginn des Tages nahm Wiegend die Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse mit auf eine „emotionale Achterbahnfahrt“: Er zeigte ihnen die Schönheit der Meere, der Landschaft am Meer, der Sonnenaufgänge, des tiefen Blaus. Mehr noch als Urlaubs- und Erholungsparadiese seien die Meere aber Lebensraum für Menschen und Tiere und auch für uns im Landesinneren, weit ab von den Ozeanen: „70% unseres Sauerstoffs kommt aus den Meeren“, so ein kleiner von vielen Wissensbausteinen, den die 15- bis 16-Jährigen an diesem Tag einsammeln durften. Doch egal, ob Urlaubsziel, Wohnort oder Arbeitsstätte: Die Ozeane sind bedroht und mit ihnen ihre Bewohner. Wie man weiß, nicht zuletzt durch die schier unglaublichen Mengen an Plastikmüll, die auf unterschiedlichen Wegen in die Meere gelangen: Fünf Trillionen Plastikteile schwimmen dort – und stellen eine Gefahr für alle darin lebenden Tiere dar, letztendlich aber auch für die Menschen, wie Weigand in seinem Vortrag darlegte. Mit seinen schönen wie mit seinen erschütternden Fotos von durch kleine Plastikteile wie einem Strohhalm schwer verletzten Tieren schuf er Emotionen. Für ihn der einzige Weg, von dem bloßen Wissen ins Verstehen, ins Fühlen und Handeln zu kommen.

Und dazu forderte er seine jungen Zuhörer auch direkt auf: „Wir alle sind Teil eines Systems, in dem die Verwendung von Plastik eine Selbstverständlichkeit ist“, so sein Ausgangspunkt. Als solches sei man auch Teil des Problems, dass ein Stoff, der sich in vielen hundert Jahren nicht abbaut, oftmals für den einmaligen Gebrauch verwendet und weggeworfen wird. Das Schöne: „Wenn man Teil des Problems ist, kann man auch Teil der Lösung werden und muss nicht auf eine Lichtgestalt warten, die nie kommt, um das Problem für einen zu lösen.“ Gemeinsam machten die Schülerinnen und Schüler mit ihrem Referenten Vorschläge für kleine Schritte, die es ermöglichen, im Alltag Plastik einzusparen, getreu dem Motto: Niemand kann alles allein und alles sofort schaffen, aber man kann sich mit kleinen Maßnahmen im Alltag Neues, Besseres angewöhnen und diesen Weg immer weiter gehen und zum Helden oder zur Heldin der Meere werden, denn dort kommt letztendlich jede Verhaltensänderung an.

Um Möglichkeiten, auch im größeren Rahmen umweltbewusst und nachhaltig zu denken und zu wirken, ging es nach dem Vortrag in dem Planspiel „Ocean Limited“, das Weigand entwickelt hat. Es vereint viele Akteure, die von und mit dem Meer leben, es nutzen oder ausnutzen. Die Spieler schlüpfen in eine Rolle und lernen eine ganz neue Perspektive auf den Ozean kennen. Sie sind Klein- oder Großfischer, Energieunternehmer, Bürgermeister, Tourismusunternehmer, Reeder, Wissenschaftler. Selbst die Seele der Meere bekommt eine Rolle in dem Spiel, in dem zunächst alle Parteien – wie im richtigen Leben – ihre eigenen Ziele verfolgen – mit allen Konsequenzen und der Notwendigkeit, die anderen Parteien mehr oder weniger intensiv ins Boot zu holen und mit ihnen zu verhandeln. Die Spieler versuchten in Lauterbach recht schnell, nachhaltige Lösungen zu finden. Das hatte zur Folge, dass, wer lieber das große Geld auf Kosten der Umwelt suchte, schnell an Grenzen stieß, da die Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen die treibende Kraft war. Genau diese Wirkung haben die Schülerinnen und Schüler auch reflektiert: „Mit der Nachfrage kann der Markt beeinflusst und große Akteure zum Umdenken bewegt werden. Sprich: Unser Konsum hat einen Einfluss darauf, welche Unternehmen und Praktiken sich durchsetzen können oder nicht.“ Gleichzeitig wurde deutlich, dass einige Akteure (z.B. Energieunternehmen oder Großfischer) außerhalb der verwalteten Gebiete – im gesetzlichen Niemandsland der Hochsee – ungehindert tun und lassen konnten, was ihnen beliebt. Die Schäden blieben aber nicht auf dieses Gebiet beschränkt, sondern betrafen auch die umliegenden Städte, deren Bürgermeister eigentlich um den Erhalt der Umwelt bemüht waren. Als Besonderheit bei dieser Runde stellte sich der Erfolg einer Schülerin dar, die als Wissenschaftlerin mitspielte. Sehr geschäftstüchtig konnte sie ihre (meist nachhaltigeren) Innovationen an die anderen Spieler verkaufen. „Das verdeutlichte schon wie wertvoll Innovationen und neue, nachhaltige Lösungen für Wirtschaft und Gesellschaft sind und wie wir als Verbraucher an vielen Stellen mit unserer Kaufentscheidung Einfluss nehmen können“, fassten die Schülerinnen und Schüler ihre Erkenntnis nach dem hochinteressanten Vormittag zusammen.

Für Oliver Stoy, an der AvH federführender Lehrer für dieses Projekt, liegt der Nutzen auf der Hand: „Wenn Wissen nicht mit dem richtigen Gefühl für etwas einhergeht, bleibt es wirkungslos – und wir möchten, dass unsere jungen Menschen wirksam sind. Gerade, wenn es um ein so bedeutendes Thema wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit geht.“

Text: Traudi Schlitt; Fotos und Bilderüberschrift: Jörg Becker

Ziele setzen, planen, verhandeln, nachhaltig denken: All das spielte eine große Rolle beim Planspiel „Ocean Limited“.

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