Berlinfahrt der E-Phase 2012

An der nunmehr obligatorischen Studienfahrt nach Berlin nahmen auch dieses Jahr wieder die Klassen der Einführungsphase unseres Gymnasiums teil. Die Schüler und 9 Lehrer erkundeten in vier Tagen einige der zahllosen Museen, Theater, Einkaufszentren und Sehenswürdigkeiten unserer geschichtsträchtigen Hauptstadt und gewannen dabei ganz unterschiedliche Eindrücke. Im Folgenden möchte ich die Besucher dieser Website und interessierte Schüler an meinen persönlichen Erfahrungen, die ich mit und in der Weltstadt Berlin gesammelt habe, teilhaben lassen und zum Ende auch eine kurze historische Einordnung vornehmen.

Mein Eindruck von unserer Herberge, dem A&O-Hostel am Zoo, war zunächst einmal zufriedenstellend, nicht mehr und nicht weniger. Sie liegt unmittelbar am Kurfürstendamm und bietet in ihrer großen Lobby Sitzmöglichkeiten an den dort platzierten Sesseln und der Bar. Des Weiteren standen Billardtische bereit, die wir jederzeit bespielen konnten. Die Betten jedoch quietschten schon bei der kleinsten Drehung und die Unterseiten waren mit Sprüchen sowie teilweise Hammer und Sichel beschmiert. Die hohe Anzahl der Betten in einem Zimmer – in meinem Falle acht – war insbesondere im Hinblick auf die morgendliche Dusche problematisch.

Am Tag unserer Ankunft besichtigten wir im Klassenverband die bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. In verschiedenen Gruppen hatten wir schon in Lauterbach kleine Vorträge vorbereitet, die wir unseren Mitschülern dann vor Ort präsentierten. Vom Brandenburger Tor und der Siegessäule, über den Kurfürstendamm und den Alexanderplatz bis hin zum Denkmal für die getöteten europäischen Juden während des nationalsozialistischen Terror-Regimes erkundeten wir Berlin und erfuhren die wichtigsten Fakten über die einzelnen Stationen. Da ich zur Gruppe des Holocaust-Mahnmals gehörte, möchte ich auch an dieser Stelle einige Informationen dazu geben: Dieses Mahnmal wurde nur für die getöteten Juden errichtet und bezieht sich deshalb effektiv nicht auf den Holocaust, sondern auf die Schoah. Dieser Fakt gab insbesondere von Seiten der Sinti und Roma, welche u.a. ebenfalls von den Nazis verfolgt und getötet wurden, Anlass für Kritik. Die Gedenkstätte erstreckt sich auf einer Fläche von 19.000 m2 und ist mit 2711 Betonpfeilern, den Stelen, bebaut, die sich lediglich in der Höhe unterscheiden. Baubeginn war das Jahr 2003; eingeweiht wurde das Mahnmal am 10. Mai 2005. Die Frage, ob ein solches Denkmal nach über 60 Jahren noch notwendig ist, beantworteten vor einiger Zeit die Schändungen auf mehreren Stelen. Sie wurden mit Hakenkreuzen beschmiert: Das Gespenst schwebt noch immer umher.

Das Stelenfeld wurde vom amerikanischen Architekten Peter Eisenman entworfen und soll in seiner tristen Gestalt zum Nachdenken anregen. Viele Mitschüler zeigten sich jedoch nicht sehr angetan von der Gestaltung dieser Gedenkstätte. Sie empfanden sie als unansehnlich. Eine Schülerin fühlte sich an den Plomb du Cantal erinnert. Dieser Gipfel in der Auvergne wird in Patrick Süßkinds Roman „Das Parfum“ als eine „Gegend von (…) trostloser Unwirtlichkeit“ geschildert. Und auch ich muss zugeben, dass beispielsweise das Jüdische Museum, welches wir zwei Tage darauf besichtigten, eine ungleich schönere Erinnerung an die getöteten Juden und darüber hinaus eine Ehrerweisung an die jüdische Kultur darstellt.

Was erwartet einen eigentlich im Jüdischen Museum? Ich muss zugeben, dass ich mir zuvor nicht wirklich etwas darunter vorstellen konnte. Dass es das Schicksal der deportierten Juden thematisiert war mir klar, aber sonst? Tatsächlich bietet dieses Museum aber viel mehr. Man taucht ein in die weit über 2000 Jahre alte jüdische Kultur und somit in die Wurzel des Monotheismus. Es erzählt die Geschichte einer Minderheit, die sich lange Zeit dem Judentum und ihrer Heimat Deutschland zugleich verbunden fühlten und doch stets verfolgt wurden. Das Museum gibt einen Einblick in die Arbeiten jüdischer Künstler und Wissenschaftler und blickt zurück auf deren gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung in der Moderne bis heute. In einem Weg, der „Achse des Exils“, schreitet man auf den Spuren der Juden, die vor den Nazis fliehen und in fremde Länder emigrieren mussten. Im dunklen und kalten Holocaust-Turm kann man symbolisch auch die Leiden der Deportierten nachempfinden.

Im Pergamonmuseum bestaunte ich antike, vorderasiatische sowie islamische Bauwerke und Künste. Besonders beeindruckend wirkte für mich die originalgetreue Nachbildung des Vorderteils des berühmten babylonischen Ischtar-Tores.

Bei einer Führung im Naturkundemuseum frischte ich meine Kenntnisse über Evolution und die Entstehung der Arten auf und warf einen Blick auf die positiven aber auch negativen Ergebnisse der natürlichen bzw. durch äußere Einflüsse hervorgebrachte Gen-Mutation.

Sowohl das Pergamon- als auch das Naturkundemuseum sind einen Besuch wert. Das Jüdische Museum würde ich nun als Pflichtprogramm für jeden Berlin-Besuch erklären.

Am Mittwoch stand der Besuch des deutschen Parlaments, des Bundestages, auf unserer Liste. Dummerweise hatte ich es versäumt, vor der Reise meinen Personal- bzw. Schülerausweis mitzunehmen und so musste ich befürchten, gar nicht erst reinzukommen. Das Problem erwies sich jedoch als weniger tragisch, denn nachdem ich dem Sicherheitspersonal meinen Vor- und Zunamen und mein Geburtsdatum genannt hatte, damit sie es mit ihrer Liste abgleichen konnten, wurde mir der Einlass gewährt. Bevor jedoch das Bauwerk überhaupt betreten werden durfte, wurden die Taschen und Jacken jedes Einzelnen durchleuchtet und kontrolliert.

Von der Debatte, die an diesem Tag  geführt wurde, bekamen wir leider nur noch die letzten 10 Minuten zu hören, denn eine Gruppe vor uns hatte die Plätze bis dahin belegt. Nachdem die Bundestags-Vizepräsidentin, Katrin Göring-Eckardt, die Sitzung schließlich für beendet erklärt hatte, gab uns eine Angestellte einen knappen Einblick in die Geschichte dieses „Hohen Hauses“ und erklärte die Funktion der einzelnen Beschäftigten. Außerdem beantwortete sie unsere Fragen.

Am nächsten Tag stand eine Führung durch die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen auf dem Programm. In dieser Untersuchungshaftanstalt, dem ganzen Stolz der DDR, wurden Intellektuelle verhört, die es gewagt hatten, die Partei, das System oder den Staat zu kritisieren. Die Führerin erklärte uns, dass zu Sowjetzeiten Verdächtige in dem „U-Boot“ – welches aufgrund der dortigen Enge, Feuchtigkeit, Einsamkeit, dem Gefühl des Ausgeliefert-Seins etc. so genannt wurde – für Monate und teilweise sogar Jahre gefangen gehalten und nicht selten gefoltert wurden, um ihnen Geständnisse zu entlocken. Uns wurden die verbrecherischen Mittel vor Augen geführt, wie die Deutsche Demokratische Republik und ihr großer sowjetischer Bruder ihre Kritiker zum Schweigen brachten.

Nun möchte ich auch von meinen Abendprogrammen berichten. Am Donnerstag war ich Zuschauer bei „Planet Paradox“ – so nennt sich das Programm der Berliner Kabarett-Gruppe  „Die Stachelschweine“. Fünf Außerirdische erkunden die Erde, um die Gepflogenheiten und Rituale ihrer Bewohner kennenzulernen und sich damit vertraut zu machen. Dabei entdecken sie jedoch das ein oder andere Paradoxon dieser scheinbar so hoch entwickelten Gattung Mensch. Am Ende sitzen die Enttäuschung und auch das Unbehagen über die Erdlinge, die sich als ziemlich befremdlich erwiesen haben, tief. Diese in mehreren Sketchen erzählte Geschichte lässt leider mehr erhoffen als sie letztendlich bieten kann. Die Politik- und Gesellschaftskritik, die die Darsteller auf lustige Art und Weise rüberbringen wollen, wirkt lasch und deshalb wenig überzeugend. Das Stück hat zwar sehr wohl viele komische Momente, diese bewirken aber aufgrund ihrer Banalität mit wenigen Ausnahmen – so war zumindest meine persönliche Empfindung – bestenfalls ein heiteres Schmunzeln. Um den Abend entspannt und unterhaltsam ausklingen zu lassen, ist „Planet Paradox“ alles in allem sicherlich geeignet. Wer eine tiefsinnige Gesellschaftsanalyse und ein zwerchfellreizendes Festival erwartet, wird aber enttäuscht.

Während das Kabarett-Programm der „Stachelschweine“ leider an allzu scharfem Humor vermissen lässt, überzeugen und begeistern die Schauspieler des Maxim-Gorki-Theaters, welches ich am Tag zuvor besuchte, auf ganzer Linie. In ihrem knapp zweistündigen Stück „das Versprechen“ vereinen sie dramatische und komödiantische Aspekte und kreieren daraus ihren einzigartigen Stil, der den Zuschauer von Anfang an in seinen Bann zieht. Er steigt in gewisser Weise unmittelbar nach dem Betreten des Saals in die Geschichte ein. Noch ehe das Stück beginnt und die Leute noch in ihre Unterhaltungen vertieft sind, sieht man einen Hauptdarsteller schon bewusstlos am Boden liegen. Nach etwa 15 Minuten beginnt dann das Stück: Nachdem ein junges Mädchen tot im Wald aufgefunden wird, kann ein Hauptverdächtiger sehr schnell ausgemacht werden. Nachdem ihm ein Geständnis herausgepresst wurde, erschießt sich der vermeintliche Täter. Der kurz vor dem Ruhestand stehenden Hauptkommissars Gerd Schwarz, der in Jordanien als Polizeiberater tätig ist, traut dem Fall nicht und gibt der Mutter des Kindes deshalb das Versprechen, den wahren Mörder zu finden.

Alle Charaktere, vom altgedienten Hauptkommissar bis hin zu den ganz jungen Mädchen, wirken authentisch und ideal besetzt. Bisweilen ist “das Versprechen“ recht komplex gestrickt und fordert den Zuschauer zum Nachdenken auf. Es regte mich und andere Mitschüler durchaus auch über das Ende der Vorstellung hinaus zu gegenseitigen Gesprächen und Bewertungen an. Ich stehe jedenfalls nicht alleine da, wenn ich sage, dass ich von den schauspielerischen Leistungen der Darsteller begeistert bin und dass sich das Stück vom Unterhaltungsfaktor vor keinem guten Hollywood-Film verstecken muss.

Abgesehen von diesen Pflichtveranstaltungen hatten wir viel Freizeit, die wir in Kleingruppen oft in Cafés verbrachten. Die Damen beugten sich dem Klischee und widmeten sich ausgedehnten Shopping-Touren. Während ich durch Berlin wanderte oder die U- und S-Bahn befuhr, fielen mir besonders die krassen sozialen Gegensätze auf. Während sich in dem einen Bezirk prächtige Häuser aneinander reihten und nur durch edle Restaurants unterbrochen werden, wirkte der Bezirk nebenan vernachlässigt und heruntergekommen. Solche Erfahrungen mag man in allen deutschen Großstädten machen. In dieser Drastik sticht Berlin jedoch nach meiner Erfahrung deutlich heraus. Auffällig sind traurigerweise auch die vielen Bettler und Obdachlosen.

Berlin und seine Bewohner haben in ihrer Geschichte einige schwere aber auch große Stunden durchlebt. Im Mittelalter als Städtebund Berlin-Kölln vergleichsweise noch relativ unbedeutend, entwickelte sie sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter Friedrich I. zur preußischen Hauptstadt, was für sie eine enorme Gebietsvergrößerung zur Folge hatte. Mit der Gründung der Berliner Universität 1809, der heutigen Humboldt-Universität – benannt nach Wilhelm von Humboldt, dem Bruder des Namenstifters unserer Schule, Alexander von Humboldt – erlangte Berlin auch kulturell internationales Ansehen. Die Entstehung des Deutschen Kaiserreichs 1871 und dessen Entwicklung zur Weltmacht geht einher mit dem Aufstieg Berlins zur Weltstadt mit bald weit über einer Millionen Einwohner. Nach verlorenem 1. Weltkrieg 1918 und dem daraus resultierenden Ende des Kaiserreichs wurde Berlin das Zentrum der demokratischen Weimarer Republik. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 und den propagandistisch inszenierten Olympischen Spielen drei Jahre später begannen Adolf Hitler und sein Generalbauinspektor Albert Speer mit den Planungen zur Schaffung einer „Welthauptstadt“. Berlin sollte in Germania aufgehen. Diese Utopie fand freilich ihr jähes Ende mit der Zerstörung der Stadt während des 2. Weltkriegs und der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945. In der Folge wurde Berlin von den Alliierten in 4 Sektoren aufgeteilt. Die Amerikaner, Briten und Franzosen besetzten den Westteil, die Sowjetunion kontrollierte den Osten. Während DDR-Politiker Walter Ulbricht 1961 noch die Pläne zum Bau einer Mauer geleugnet hatte, begannen die Bauarbeiten für Selbige schon im gleichen Jahr. Mit der Vollendung dieses „antifaschistischen Schutzwalls“ war Berlin endgültig eine geteilte Stadt und bildete die Grenze zwischen der NATO im Westen und dem Warschauer Pakt im Osten. Wären die Waffen in diesen Jahren nicht etwa „kalt“ geblieben, sondern tatsächlich zum Einsatz gekommen, so hätte sich Deutschland und insbesondere Berlin zum Hautaustragungsort der Kämpfe entwickelt.

Die wohl größte Stunde Berlins, nach über einem halben Jahrhundert nationalsozialistischer und kommunistischer Terror-Herrschaft, war mit dem Mauerfall 1989 und der anschließenden Wiedervereinigung Deutschlands in einem einzigen demokratischen Rechtsstaat eingeläutet. Seit 1999 ist die Stadt auch wieder Sitz des Deutschen Bundestages und der Regierung.
Berlin ist zweifellos eine Stadt mit Makeln und Schwächen, und doch in ihrer Internationalität ein Symbol der Toleranz und Solidarität, auf das man stolz sein kann. Der ehemalige amerikanische Präsident John Fitzgerald Kennedy fand folgende treffende Worte: „All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words <Ich bin ein Berliner.>“.

Von Max Obermüller, E-B, Lauterbach

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