Am meisten vermisst: deutsches Brot und Mineralwasser

Junge Deutsche und Amerikaner über ihre Erfahrungen im jeweils anderen Land

LAUTERBACH (pm). Ein Auslandsaufenthalt bietet viele Chancen: das Vertiefen der erlernten Sprache, die Entdeckung eines neuen Landes und das Erwerben von interkultureller Kompetenz. Aus diesem Grund stehen schon lange zahlreiche Austauschmöglichkeiten auf dem Programm der Alexander-von-Humboldt-Schule. Es gibt Kontakte nach Tschechien, Frankreich, England, China sogar und den USA. Für den Austausch mit Schülerinnen und Schüler aus Amerika nimmt das Lauterbacher Gymnasium an einem landesweiten Programm teil, mit dem in diesem Jahr 500 junge Menschen aus ganz Hessen vier Wochen lang über den großen Teich flogen – und umgekehrt. „Friendship Connection“ heißt diese Organisation, von der das AvH in diesem Jahr neun Plätze übernommen hat. Die Reise in die USA startete in der Zeit rund um die Osterferien, nun hatten die Lauterbacher Schülerinnen und Schüler vier Wochen lang ihre amerikanischen Gastgeber zu Gast und zeigten ihnen die Kreisstadt, Hessen und manchmal auch einen weiter entfernten Teil der Republik. „Es herrscht ein großes Interesse an der Schule an diesem Austausch“, konstatiert Gerhardt Steinebach. Er koordiniert die Austausche an der Alexander-von-Humboldt-Schule und war in diesem Jahr als Betreuer mit in den Vereinigten Staaten. „Das Angebot dieser Organisation ist in der Tat sehr gut und durchdacht, allerdings arbeiten wir daran, ein eigenes Projekt mit einer Partnerschule zu entwickeln.“ So lange dieses noch nicht steht, ist „Friendship Connection“ eine gute Alternative, bringt diese Organisation die Schülerinnen und Schüler doch in den verschiedensten Teilen der USA unter, sodass sie ganz unterschiedliche Erfahrungen machen können. Besonders glücklich bei der Wahl, die Interessen und Wünsche der Reisenden berücksichtigt, waren Jonas und Kai-Simon: sie verbrachten vier Wochen in Kalifornien – nicht gerade der ungemütlichste Ort der Vereinigten Staaten.

„Die jungen Leute haben zum einen natürlich die Möglichkeit, das Schulsystem und landestypische Dinge kennenzulernen“, erläutert Gerhard Steinebach. Dazu gehörten in der Tat Klischees wie das des ständigen Essens von Fast Food, das die jungen Lauterbacher durchaus bestätigt sahen. Sie lernten aber auch einen viel strengeren Unterricht kennen. „Es werden wöchentlich Tests geschrieben, und die Schüler haben viel mehr Hausaufgaben auf“, berichtet Jonas. Außerdem spiele Sport im Schulalltag eine sehr große Rolle genauso wie die technische Ausstattung, besonders was Entertainment betrifft. „Für den Unterricht war die Technik keineswegs auf einem höheren Niveau als bei uns.“

Zum anderen, so Steinebach, hätten die Jugendlichen auch die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, die im Idealfall auch nach den beiden Besuchen in den USA und Deutschland noch anhielten. Jonas und sein Austauschpartner Brian wollen sich auf jeden Fall wieder treffen – im Zeitalter von Instagram, Twitter und Co. ist es außerdem sehr einfach, gut in Kontakt zu bleiben. So wie Kai-Simon und Stanley, die sich nun schon zum zweiten Mal begegnet sind und echte Freunde geworden sind. Auch sie haben schon Pläne für ein Wiedersehen außerhalb eines schulischen Austauschs. „Wir haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass es nicht immer so gut klappt“, berichtet der Koordinator. Dann steht man den Jugendlichen, die ihre Familie wechseln wollen, zur Seite und versucht, gemeinsam eine Lösung zu finden. So war es bei Annabelle, deren amerikanische Gastschülerin inzwischen nicht mehr in ihrer Familie wohnt. Eine schlechte Erfahrung? „Natürlich nicht so, wie man es sich gewünscht hätte, aber auf jeden Fall eine Erfahrung, die man so auch nur im Rahmen eines Austauschs macht und die einen auf andere Weise persönlich weiterbringt“, meint Annabelle, die dennoch immer wieder an einem solchen Projekt teilnehmen würde.

Und wie finden die Amerikaner die „Alte Welt“? Viele von ihnen haben während ihres Aufenthalts viel gesehen: größere Städte wie Frankfurt oder München, historische Stätten wie Point Alpha oder Buchenwald und zu diesem besonders günstigen Zeitpunkt das Schlitzer Trachtenfest. Was gefällt ihnen an Deutschland und warum haben sie überhaupt Deutsch gelernt – in den USA zwischen Spanisch und Französisch nicht gerade die am stärksten vertretene Fremdsprache? Stanley beispielsweise hat eine deutschsprachige Mutter. Von daher lag Deutsch nahe. Auch in den Landstrichen, in denen es aus historischen Gründen immer noch eine Art „deutsche Community“ gibt, ist Deutsch die bevorzugte Fremdsprache an Schulen. Eine Erfahrung, die auch Annabelle und Jan in Cincinnati, Ohio gemacht haben: dort gibt es Bäckereien mit dem ansonsten schmerzlich vermissten deutschen Brot, ein Hofbräuhaus und viele andere kleine deutsche Reminiszenzen. „Und gerade weil Deutsch in den USA nicht jeder spricht, die Sprache aber in Zukunft für Jobs in der Wirtschaft weiterhin sehr wichtig sein wird, bietet Deutsch den Amerikanern gute Chancen“, findet Stanley.

Zur Überraschung aller mag der Kalifornier das deutsche Wetter: „Ich liebe den Regen“, gibt er lachend zu, und kaum einer mag es ihm glauben. „Und die Landschaft hier ist so schön grün!“ In seiner Aufzählung dessen, was er mag, fehlen auch nicht das Eis und das Essen. „Und die Freundschaft zu Kai-Simon und seiner Familie.“ Auch das Kleine, Kompakte an dem Leben in Lauterbach schätzt er sehr: „Hier ist alles nah beieinander, man kann alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen.“

Ein weiterer großer Unterschied, der speziell den Deutschen in Amerika aufgefallen ist, sind die enormen Sicherheitsmaßnahmen an den amerikanischen Schulen. Schockiert und bedroht von zahlreichen Amokläufen und Verbrechen an den Schulen, gehören Security-Teams zum normalen Schulbild, genauso wie Sicherheitskontrollen und „Passierscheine“ für den Gang zur Toilette. Was für deutsches Empfinden eine bedrohliche Atmosphäre schafft, ist für den Amerikaner normal, mehr noch, es gibt ihm Sicherheit.

„Ein Austausch bietet jungen Menschen wirklich viele Aspekte, erweitert den Horizont, und das sicher nicht nur räumlich“, bestätigt Gerhard Steinebach. Kein Wunder also, dass unter den Schülerinnen und Schüler des AvH schon eifrig die nächsten Reisepläne geschmiedet werden.

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Vier Wochen zu Gast in Deutschland – die amerikanischen Austauschschüler mit ihren Gastgebern, dem Bürgermeister und dem Verbindungslehrer vor dem Rathaus. (Foto: Gernot Schobert)

Text: Traudi Schlitt

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